Pfarrer Bartel stellt sich vor


Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Leserin und lieber Leser unseres Gemeindebriefes,

am 11. Januar 2004 wurden meine Frau Isolde und ich hier in der Gemeinde in Bangkok offiziell eingeführt. Hier möchten wir Ihnen etwas ausführlicher von uns erzählen. Ich werde das tun in Form eines Briefes an einen meiner Schüler.

Lieber Nick (Name von der Redaktion geändert),

es hat mich sehr gefreut, dass du als vierzehnjähriger Schüler gleich so viel Fragen an mich hattest. Du wolltest ja vor allem wissen, warum wir ausgerechnet nach Thailand gekommen sind. Du hast damit gleich angedeutet, dass es dir hier nicht so besonders gefällt. Also ich fühle mich bisher sehr wohl. Aber lass mich der Reihe nach erzählen. Ich werde dann auch noch viel nach deinen Erfahrungen mit Thailand fragen. Ich denke, dass wir viel miteinander lernen können.

Ich heiße Burkhard Bartel. Und weil mein Opa Georg hieß, habe ich diesen noch als meinen zweiten Namen. Ich bin sehr dankbar für eine schöne und unbelastete Kindheit in meinem kleinen 600-Seelen-Dorf auf der wunderschönen und rauen Baar, der Hochebene zwischen Schwarzwald und Bodensee. Neben der Schule war ich bestimmt von der Natur und der Landwirtschaft im großväterlichen Betrieb. Gut zu Recht kam ich in der Familie mit der Position des Zweitgeborenen neben einem älteren Bruder und der jüngeren Schwester. Unsere Erziehung war bestimmt von einer evangelischen Frömmigkeit pietistischer Prägung.

Und so kam ich auch zum Studium der Theologie. Ich wollte mich bewusst mit dem Stoff und auch mit den Zweifeln meiner Kindheit auseinandersetzen und genügend Zeit haben, andere Weltanschauungen, Theologien und Religionen kennen zu lernen. Mein Glaube wollte sich befragen lassen. Der ökumenische und diakonische Horizont weitete sich. Zur Predigt des Evangeliums kam der gelebte Glaube: "Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert".

Nicht zuletzt begriff ich dies in einem Kinderhaus von Mutter Theresa in Kalkutta. Die Verkündigung des Evangeliums von der Versöhnung und Befreiung durch Jesus Christus muss begleitet sein von einem Handeln, das die Menschenwürde aller zum Ziel hat. Christliche Glaubenspraxis geschieht, wo auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hingearbeitet wird.

Dankbar war ich meinem Ausbildungspfarrer im Vikariat in den Jahren 1980 bis '83, dass ich bei meiner Gemeindearbeit die Freiheit und die Zeit hatte, die "Friedensinitiative Zollernalbkreis" mitzugründen und zu organisieren. Seit dieser Zeit bin ich Mitglied im Versöhnungsbund und Mitunterzeichner der Stuttgarter Initiative "Ohne Rüstung leben".
Als Pfarrer in Simmozheim im Kirchenbezirk Calw, Schwarzwald, entdeckte ich die große Vielfalt an Aufgaben und Möglichkeiten, die eine ländliche Kirchengemeinde zu bieten hat. Schwerpunkte meiner Arbeit waren Gottesdienst, Jugendarbeit und Religions-unterricht und die Organisation des vielfältigen Gemeindelebens mit so manchen Bauprojekten. Nach fünf Jahren fiel der Abschied schwer, zumal sich auch meine Frau Isolde, Diplom-Pädagogin und Religionspädagogin, in der Gemeinde und im Religions-unterricht engagierte, und sich unsere beiden Mädchen Saskia und Maren sehr wohl fühlten.

Dennoch wagten wir 1988 einen großen Schritt. Wir gingen im Auftrag der westfäli-schen Kirche nach Kamerun. Nach acht reichen Jahren Gemeindearbeit in Deutschland stellten wir unsere Kräfte und Gaben gerne in den Dienst der afrikanischen Christenheit, um uns dabei auch von einer anderen Praxis der Frömmigkeit, von anderen Traditionen und einer anderen Mentalität befragen zu lassen. Ich arbeitete als Gemeindepfarrer im nördlichsten Kirchendistrikt der Evangelischen Kirche von Kamerun in Garoua. Leider waren die vorherrschenden sozialen und politischen Spannungen in Gesellschaft und auch in unserer Kirche so groß, dass wir den trockenen Norden Kameruns viel zu früh verlassen mussten. Ohne Umweg über Deutschland begannen wir im April 1990 eine neue Arbeit in Ruanda.

Wir konnten nicht ahnen, dass wir schon nach einer kurzen Einarbeitungszeit von wenigen Monaten mit einer neuen Herausforderung und noch größeren Schwierigkeiten konfrontiert werden würden. In Ruanda begann am 1. Oktober 1990 mit dem Einmarsch von Tutsi-Rebellen aus Uganda ein Krieg, der schließlich 1994 in einem Bürgerkrieg und Völkermord endete. Wir taten unsere Arbeit unter erschwerten Bedingungen: Fast jeder Schritt war begleitet von Leid und Trauer vieler unserer Kolleginnen und Kollegen und Freunde. Ich war als Schülerpfarrer des Christenrates verantwortlicher Ansprechpartner für die Schülerinnen und Schüler verschiedener evangelischer Denominationen in den Sekundarschulen des Landes. Ich hatte die Aufgabe, den Kontakt und den Austausch mit den Schulleitungen von annähernd 220 staatlichen, konfessionellen und freien Schulen zu intensivieren und in den elf Präfekturen des Landes die Schülerfreizeiten zu organisieren. Meine Frau und ich konnten uns in dieser Zeit den Arbeitsvertrag teilen. Unsere Hauptaufgabe war die Erarbeitung des ersten Lehrplanes für den Religionsunter-richt in den Sekundarschulen des Landes. Nach etwa zwei Jahren lag ein Curriculum mit einem großen Materialteil in französischer Sprache gedruckt vor. Danach begannen dann für gut zwei Jahre die Fortbildungsseminare mit den ruandischen Religionslehrern und Schulpfarrern, die den neuen Lehrplan in Theorie und Praxis zum Inhalt hatten.

In diesen vier Jahren waren wir aber nicht nur mit unserer eigentlichen Arbeit beschäftigt, sondern auch Zeuge und Opfer der Entwicklung hin zu einem Genozid.
Mit vielen Basisgruppen und den Kirchen hatten wir unseren ganzen Mut und unsere Fantasie in die Organisation einer Friedensbewegung einzubringen, die am Ende dann doch gescheitert ist. Am 6. April 1994 wurde der ruandische Präsident durch ein Attentat getötet. Dies war der Funke, der eine unvorstellbare Explosion von Gewalt und Menschenverachtung auslöste. In hundert Tagen wurde annähernd eine Million Men-schen ermordet. Ihre einzige "Schuld" bestand darin, einen Tutsi als Vater zu haben. Wir mussten mit ansehen, wie unschuldige Menschen vor unserer Haustür ermordet wurden, ohne dass wir noch die Möglichkeit gehabt hätten helfend einzugreifen. Ohnmächtig begriffen wir, dass es tatsächlich ein "Zu spät" gibt und auch, zu welchen Abscheulichkeiten der Mensch fähig ist. Eine Schülerin wurde auf der Flucht zu uns vor unserem Gartentor erschlagen. Vom Wohnzimmerfenster aus wurden wir zu Augen-zeugen der Ermordung von mehr als 300 Menschen. Sie hatten fälschlicherweise darauf gehofft, im Raum einer Kirche Asyl und Schutz zu erhalten.

Nach wenigen Tagen wurden wir durch die Bundesregierung aus Ruanda evakuiert. Wir haben den Ort des Schreckens verlassen, viele unserer ruandischen Freunde und Bekannten haben ihr Leben oder ihre Angehörigen verloren. Ihnen und dann auch uns bleiben die Trauer und zerbrochenes Vertrauen in die Menschlichkeit des Menschen. Und das Gefühl der Ohnmacht. Weil in Ruanda Christen andere Christen getötet haben, vermochten wir bald nicht mehr anzugeben, was uns mehr belastete und in Frage stellte: Die Schmach des eigenen Versagens oder das empfundene Scheitern der christlichen Botschaft.

Nach der Rückkehr hatte ich als Koordinator für Zentralafrika bei Brot für die Welt die Möglichkeit, meine Erfahrung einzubringen für Katastrophenhilfe und den notwendigen Neuanfang in Ruanda.

Seit August 1995 arbeitete ich als Berufsschulpfarrer an der gewerblichen Robert-Mayer-Schule in Stuttgart. Bei meinen Schülern fühlte ich mich wohl und schätzte die gute Zusammenarbeit mit der Schulleitung und im Kollegenkreis. Das Interesse der Jugendlichen an einer persönlichen Auseinandersetzung mit Glaubens- und Lebensfragen ist in den letzten Jahren eher gewachsen. Für deren Orientierung in sicher nicht leichter gewordenen Zeiten der Globalisierung, Multimediakommunikation und moralischer Beliebigkeit suchen unsere Schüler besonders engagierte Lehrer. Von dem Religions-lehrer erwarten sie eine theologische Bildung, die es ihm gestattet, ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens aufzunehmen und ihnen Rede und Antwort zu stehen. Dabei fragen sie mehr nach "der Hoffnung, die in uns ist", als nach den theologischen Entwürfen von Thomas von Aquin, Karl Barth oder Jürgen Moltmann. Als Wegleitung im Unterricht wie überhaupt im Umgang mit Menschen hilft mir oft der Satz: "Jeder Mensch ist eine ganze Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt." Das war Mut machend damals in Ruanda, und das gilt für mich auch an jedem anderen Ort.

Als unsere beiden Töchter dann das elterliche Haus verlassen hatten und mit ihrem Studium begannen, wuchs in uns der Gedanke, diese "nachfamiliäre" Lebensphase neu zu gestalten. Saskia und Maren haben uns darin beim Planen und Überlegen kräftig unterstützt, wofür wir ihnen sehr dankbar sind. Und so war es Ende des Jahres 2003 soweit, dass meine Frau ihre verantwortungsvolle Stelle beim Jugendamt der Stadt Stuttgart gekündigt hat, und sich mit mir zusammen auf den Weg nach Bangkok gemacht hat. Wir freuen uns über diese neue Herausforderung und Horizonterweiterung.

Und wir sind nun neugierig auf das Leben hier in Thailand und auf die Bedürfnisse und Hoffnungen aller, die sich wohl fühlen möchten in einer deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Wir freuen uns auf die Begegnungen mit Menschen in einem so bunten Mosaik von Traditionen, Religionen und unterschiedlichen kirchlichen und politischen Standpunkten und Glaubensüberzeugungen. Wir schätzen den Dialog und das offene Gespräch.

Lieber Nick

ich habe dir nun erzählt von uns, von einigen wenigen Stationen. Ich bin gespannt auf deine weiteren Fragen. Wir nehmen uns dafür Zeit. Und das wird dazu beitragen, dass dieses wunderschöne Thailand mehr und mehr zu unserer zweiten Heimat werden wird. Ich wünsche dir alles Gute auf dem Weg und Gottes Segen,

Dein Pfarrer Burkhard Bartel

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Pfarrer Bartel

 

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