Petra berührt mit beiden Händen den goldfarbenen Sarg,
der auf den Holzscheiten aufgebahrt liegt. In wenigen
Augenblicken wird das Feuer hell lodern, mit dem sie
ihrem Lebenspartner und drei weiteren Freunden die
letzte Ruhe geben will, auf thailändischem Boden, vor
dem großen Tempel an der Küste von Khao Lak. Sie sind
von der Tsunami-Welle überrascht und von der Gewalt des
Wassers auseinandergerissen worden. Ihren Partner fand
sie tot bei den vielen Leichen, die zum Tempel gebracht
wurden. „Er war der beste Mensch für mich.“ Nach ihrem
stillen Abschied wird das Feuer gebracht. Sie dreht sich
um und geht zu Menschen, die mit ihr weinen und trauern.
Sie möchte nicht allein sein.
Gestern Abend sind meine Frau Isolde und ich aus Khao
Lak zurückgekommen. Wir waren seit Montag am Ort des
Schreckens nach der großen Welle, die auch Thailand
getroffen hat. Am 26. Dezember machten wir uns nach den
Weihnachtsgottesdiensten auf den Weg nach Süden in den
Urlaub. Gleich bei der Ankunft in einem Gästehaus an der
Ostküste sahen wir die ersten Fernsehbilder einer
Katastrophe, die wir nicht so recht einordnen konnten.
Wir hörten das Stichwort Erdbeben, sahen aber große
Verwüstungen durch Wasser. Erst das Wort Tsunami
erhellte uns den Zusammenhang. An Urlaub war also nicht
mehr zu denken. Nur wenige Kilometer von uns entfernt
muss Schreckliches geschehen sein. Am nächsten Tag kamen
wir an die Küste von Khao Lak.
Der erste Schock lässt mich verstummen, ich verliere
fast meine Stimme
Die
Straße ist schon freigeräumt von schwerem Gerät. Wir
sollen zum Magic Lagoon
Hotel kommen, wo sich Mitarbeiter der Deutschen
Botschaft und andere Helfer treffen wollen. Wir
realisieren erst nach und nach, was geschehen ist. Weite
Flächen rechts und links der Straße sind wie leergefegt.
Die Bäume und Beton-Telefonmasten sind wie Streichhölzer
umgelegt. Wie viele Menschen werden hier gelebt und
gearbeitet oder Ferien gemacht haben? Es ist Hauptsaison,
die Hotels sind ausgebucht. Wir haben deshalb erst gar
nicht versucht noch ein Zimmer in Strandnähe zu mieten.
Ich warte auf Schreie und Hilferufe. Aber es ist
merkwürdig still. Das Unglück geschah ja schon vor 30
Stunden. Die Verletzten sind geborgen worden, die Toten
sind noch nicht gefunden. Jemand spricht von Nachbeben
und möglichen weiteren Wellen. Wir haben Angst.
Wir
finden kein Zimmer mehr und schlafen wenige Stunden im
Auto. Am nächsten Morgen fahren wir zu einigen
zerstörten Hotels und Gästehäusern. Weite Abschnitte der
Küste sind wie leergefegt, die Bungalows bis aufs
Fundament weggespült. Wo sind die Menschen, die Gäste
und die Hotelangestellten? An den Außenwänden der großen
Gebäude, die noch stehen, sieht man, wie hoch das Wasser
gestiegen ist und wie es gewütet hat. Es war noch früh,
als das Wasser kam. Einige wurden im Schlaf überrascht.
Auf vielen Türschildern ist noch zu lesen: „Do
not disturb.“
Hier
treffen wir auch vier Mitglieder einer Tanzgruppe von
den Philippinen. Die Gruppe bestand aus 11 Tänzern. Fünf
sind tot gefunden worden, zwei werden noch vermisst.
Eine junge Tänzerin sagte mir: "Wir auf den Philippinen
sind Christen. Wir gehören zur katholischen Kirche. Am
24. Dezember haben wir als Krippenspiel einen
Weihnachtstanz aufgeführt. Wir hatten dann am Sonntag
unseren freien Tag. Deshalb haben wir uns um 7.00 Uhr
zum Frühstück getroffen. Alle fünf Mädchen, die die
Engel gespielt haben, legten sich danach nochmals hin. „We
lost all our
angels.“ Sie sind ’weggeflogen’.
Ich kann meine Eltern nicht anrufen, um ihnen das zu
sagen. Vielleicht kann ich es morgen."
Die
Aufräumarbeiten haben noch nicht begonnen. Türen und
Fenster im Erdgeschoss sind vom Wasser einfach
eingedrückt worden, die Möbel völlig zerstört. Nichts
mehr steht an seinem Ort. Leichengeruch. An eine Mauer
gedrückt liegt ein Berg aus Holz, Blech und Ziegeln.
Dazwischen ein abgetrenntes Bein. Am Pool liegt ein
toter Mann, neben ihm im Schlamm ein Handy, seine rechte
Hand hält noch den Gürtel, an dem Auto- und
Zimmerschlüssel hängen. Das Hotel hatte über 350 Gäste,
die meisten davon aus Deutschland, und über 200
Angestellte. Ich höre leise die Wellen des Meeres, sonst
nichts. Hierher muss zur Bergung mehr schweres Gerät
gebracht werden. Und Spezialisten, die Tote finden und
identifizieren können.
Die Krankenhäuser der Region sind überfordert aber
wissen sich zu helfen
Wir
fahren hoch zur Straße und zum nächstgelegenen
Krankenhaus. Viele Krankentransportfahrzeuge mit
Blaulicht blockieren sich gegenseitig am Eingang. Schon
vor dem Krankenhaus auf der Wiese sind überall Ärzte und
Helfer mit Notversorgungen zu Gange. Alle Betten sind
belegt, überall auf den Gängen liegen Verletzte und
Schwerverletzte. Überall sind schon freiwillige Helfer,
die Verbände wechseln und neue Tücher bringen. Andere
schleppen Kisten mit Trinkflaschen oder laden abgepackte
Essensrationen ab. Eine Ärztin operiert eine große Wunde
am Bein ohne Betäubung, zwei Helferinnen halten den Kopf
der Patientin und reden ihr Mut zu. Gleich wird es
vorbei sein.
Im
vierten Stock kann sich ein Mann aus Berlin im Moment
nicht an seinen Familiennamen erinnern. Ein Hubschrauber
landet und nimmt zwei Schwerstverletzte mit nach
Bangkok. Der Fußboden ist überall blutverschmiert. „Haben
Sie meine Frau gesehen? Wir haben gerade gefrühstückt
und hörten plötzlich einen fürchterlichen Lärm. Dann war
das Wasser schon da.“ Viele erzählen mir von den
Sekunden, bis das Wasser sie erfasste und sie
realisierten, dass jede Flucht zu spät kommt.
Ein
Verantwortlicher einer großen Firma sucht seine beiden
Kinder Fabian und Sarah. Auch seine Frau wurde von ihm
weggerissen. Er weiß aber schon, dass sie in einem
anderen Krankenhaus liegt. Es wird oft gesagt, dass
viele Kinder unter den Opfern sein werden. Suchlisten
werden in der Eingangshalle ausgehängt. Bilder von
vermissten Angehörigen hängen neben Fotografien von
Toten. Sie sollen erkannt und dann identifiziert werden.
In den anderen Krankenhäusern der Region sieht es
genauso aus.
Erst
am dritten Tag normalisiert sich die Situation etwas.
Schwerkranke werden in Hospitäler nach Phuket oder
Bangkok gefahren oder mit Hubschraubern ausgeflogen.
Überall werden Telefone aufgestellt, die kostenlos
benutzt werden können. Aber die Netze sind hoffnungslos
überlastet. Die öffentliche Stromversorgung ist
zusammengebrochen, Handyverbindungen sind kaum möglich
oder werden nach drei Minuten unterbrochen. „Ist mein
Freund jetzt im Himmel?“ fragt mich unvermittelt ein
schwerverletztes Mädchen aus München. Obwohl sie
Pfarrerstochter ist, hätte sie sich nur noch wenig mit
Religion beschäftigt. Ihr Freund wäre kein Christ
gewesen. Ich sage, dass Jesus den Ausdruck „Reich Gottes“
als Wort für „Himmel“ gebraucht hätte, und dass das ja
kein konkreter Ort sei. „Wo Liebe ist und Güte und
menschliche Menschen, da ist Gottes Geist gegenwärtig,
da ist der Himmel auf Erden.“ Das verstünde sie gut,
denn sie waren ja wie im siebten Himmel. Und sie fügte
hinzu: „Ich werde weiter darüber nachdenken. So hat mir
das noch niemand gesagt.“
Auf dem Vorplatz des Tempels meine ich durch die Hölle
zu gehen
Am
Nachmittag fahren wir zum ersten Mal in einen der
buddhistischen Tempel, in die die geborgenen Leichen
gebracht und in langen Reihen nebeneinander abgelegt
werden. Ihre Haut ist fast schwarz. Es ist kaum noch zu
erkennen, ob es Thailänder oder Europäer sind. Wir
erstarren vor Schreck: Der ganze Platz ist bereits
voller Leichen, und ständig werden weitere in Fahrzeugen
und Lastwagen hergefahren. Mehrere hundert Särge sind am
Rande bereitgestellt. Menschen kommen hierher auf der
Suche nach vermissten Familienangehörigen oder Freunden.
Diesen Weg sollte niemand allein gehen müssen. Ein Mann
mittleren Alters öffnet einige Tücher und Plastikplanen,
in denen Leichen eingewickelt sind. Er merkt, wie
aussichtslos das ist. Selbst wenn er vor seiner Freundin
stünde, würde er sie kaum erkennen können. Das
Thermometer zeigt 34 Grad an, die Körper sind
aufgequollen und der Geruch ist unerträglich.
Inzwischen zähle ich über 700 Leichen auf dem
Tempelgelände. Allein an diesem Ort sind mehr als 1000
Särge bereitgestellt. Erschreckend viele werden in den
nächsten Tagen hinzukommen. Forensische Teams aus ganz
Thailand und mehreren anderen Ländern arbeiten
unermüdlich, um Gewebeproben und Haare zu entnehmen,
damit später die Toten identifiziert werden können. Aus
Angst vor Seuchen werden jetzt Vorkehrungen getroffen.
Jeder der noch auf den Platz will, muss Gummistiefel
tragen und wird anschließend desinfiziert.
Ich
spreche Menschen an, die zu den Toten gehen wollen und
frage, ob sie die Kraft haben, das zu ertragen, was sie
gleich sehen werden. Es kommen die ersten Angehörigen
aus Deutschland, um sich selbständig auf die Suche nach
ihren Vermissten zu machen. Ich wünschte mir, man könnte
an jeden Eingang der Tempel Psychologen und Seelsorger
stellen, die die Hilfesuchenden begleiten auf diesem Weg.
Durch dieses Tal des Todes darf niemand allein gehen.
Operiert wird noch bis kurz vor Abflug
Am
Donnerstag sind wir auf dem Flughafen in Phuket. Eine
Abfertigungshalle wurde als Lazarett eingerichtet und
gleichzeitig zum Zentrum der Krisenstäbe umfunktioniert.
Die Organisation der Botschaft und der einzelnen
Vertretungen untereinander wird immer besser. Es wird
schnell und unbürokratisch geholfen. Kurz vor dem Abflug
wird ein Junge noch operiert, andere erhalten einen
neuen Verband. Vor der Halle wird Wasser in Tonnen
angeliefert. Essensportionen stehen bereit, ebenso Obst
und auch Medikamente und Verbandsmaterial aller Art. Es
kann wieder kostenlos in alle Welt telefoniert werden
und sogar ein Internet-Platz steht zur Verfügung.
Im
Flugzeug sind meine Frau und ich zusammen mit
Mitarbeitern der Botschaft, um die aufgenommenen
Patienten und Schwerverletzten bis kurz vor Abflug zu
begleiten. Eine Konfirmandin aus der Nähe von Hamburg
erzählt mir erst ihre Geschichte des Überlebens und dann
auch ein wenig von ihrem Konfirmandenunterricht, nachdem
ich sagte, dass wir in Bangkok im kommenden Mai
Konfirmation feiern würden. Sie wären eine große Gruppe, aber
der Unterricht wäre nicht so spannend. „Ich würde lieber
mehr Filme sehen und nicht so viele Blätter ausfüllen.
Aber jetzt wird sowieso alles ganz anders. Was ich hier
erlebt habe – also, ich werde noch viel mehr nach Gott
fragen.“ Als ich wieder an ihrer inzwischen fest
verankerten Liege vorbeikomme, schläft sie fest. Kurz
nach drei hebt die Maschine ab. Wir wünschen den
Patienten und dem Pflegepersonal Gottes Begleitung auf
dem Weg.
Nach
der lebensvernichtenden Flutwelle kam eine Welle der
Hilfsbereitschaft und der Menschenfreundlichkeit, die
uns unglaublich beflügelte und Kraft gab. So hätten wir
das nicht erwartet und sind beschämt darüber. Busse über
Busse mit Hilfskräften aus dem ganzen Land kommen an.
Schweres Räumgerät auf Großtransportern bilden auf der
Straße nach Süden lange Staus. Dazwischen
Krankentransporte mit Blaulicht. In und vor den Tempeln
und Krankenhäusern haben sich Studenten kleine Zettel
angeheftet, die sie als Übersetzer ausweisen. Ich selbst
werde mehrmals gefragt, ob ich Hilfe bräuchte. Und wer
möchte diese freundliche Frage in diesen Stunden der
größten Not verneinen?
Anders als vor 10 Jahren in Ruanda müssen wir hier keine
Täter suchen
Ich
wurde mehrfach von Freunden gefragt, ob unsere
Erfahrungen in Ruanda vor 10 Jahren in der Zeit des
Krieges und des Völkermordes an den Tutsi eine
Vorbereitung für die Schrecken hier in Thailand waren.
Ich verneinte. Vielleicht kann man sich auf bessere
Logistik und technische Probleme vorbereiten. Nein, hier
traf uns alles wieder ganz und gar unvorbereitet. Zwei
große Unterschiede gibt es aber: Zum einen ermutigen und
motivieren uns die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft
von so vielen Menschen. Das gibt uns Kraft und Hoffnung
für das jetzt Notwendige und auch für zukünftige
Aufgaben. Zum anderen muss dieses Mal nicht die Frage
nach Tätern gestellt werden. Hier gibt es nur Opfer.
Auch wenn die Not groß ist, macht dies die Arbeit doch
leichter. In einem kurzen Fernsehbeitrag sah ich einen
Mann zwischen zwei Bäumen, der die „schöne Welle“ filmte,
bis ihm das Wasser in die Badeschuhe lief. Bis zuletzt
erkannte er die Gefahr nicht. Er blieb ahnungslos und
wurde von der Welle mitgerissen. In Ruanda war ich wie
gelähmt angesichts der Unmenschlichkeit des Menschen.
Hier bin ich voller Zuversicht, weil ich spüre, dass ich
von einer großen Welle der gegenseitigen Achtung und
Zuneigung getragen werde.
Genau vor einem Jahr, am 26. Dezember 2003, saßen meine
Frau und ich im Flugzeug nach Bangkok, wo unser Dienst
begann. Erst nach der Ankunft hörten wir von dem
schweren Erdbeben in der iranischen Stadt Bam, bei dem
über 30.000 Menschen getötet wurden. Letzte Nacht
erhielt ich den Anruf meines deutschen Pfarrerkollegen
aus Teheran, dessen Gemeinde uns hier in Thailand
unterstützen möchte. Sie hätten in den Gottesdiensten am
Jahreswechsel eine große Kollekte gesammelt, die sie zur
Linderung der größten Not zur Verfügung stellen wollen.
Mir wurde klar: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende
auch“ (Hölderlin).
Bangkok, am 2. Tag des Neuen Jahres 2005,
Pfarrer Burkhard Bartel