Seitdem ich wusste, dass Amiso uns verlassen
würde, habe ich mich vor diesem Abschied
gefürchtet.
Amiso tat mir leid. Ihr Blick war voll
ängstlicher Erwartung, als ich ihr sagte, dass
sie nun nach Hause ginge. Wo war ihr Zuhause?
Heimat war für sie bis zu diesem Tag unser
Spatzennest, das SPARROW HOME, ein durch Spenden
finanziertes Kinderheim am Stadtrand von
Bangkok. Es ist ein recht kleines Haus, das rund
15 Kinder im Alter zwischen 1 und 10 Jahren
beherbergt. Das Leben dieser Kinder begann
aussichtslos, denn sie sind alle in einem
Bangkoker Gefängnis geboren, wo ihre Mütter für
eine bestimmte Zeit einsitzen.
Amiso kam zu uns, als sie gerade etwas über
einem Jahr alt war; als niedliches kleines Baby
mit großen dunklen Augen. Ihre Mutter, eine
Angehörige eines Bergstammes im Norden Thailands,
war wegen Drogenschmuggels zu zehn Jahren Haft
verurteilt. Während ihres ersten Jahres im
Gefängnis hat sie Amiso auf die Welt gebracht,
ihr achtes Kind.
Als ich Amiso zum ersten Mal sah, hat sie mich
sofort für sich eingenommen. Ihre Augen suchten
nach mir, und ihr Blick wollte sagen, umarme
mich doch oder schenk mir wenigstens ein Lächeln.
Ich nahm sie auf meine Arme und hielt sie fest.
Sie schrie nicht, sie schaute mich nur
eindringlich an.
Amiso entwickelte sich in unserem Spatzennest zu
einem glücklichen und aktiven Kind. Sie hatte
kein typisches Mädchenverhalten, sie war ein
kleiner Wildfang. Sie spielte vor allem mit den
Jungs und war dabei immer „der Chef“. War dies
vielleicht schon ein Hinweis auf ihr künftiges
Schicksal?
Mit fünf Jahren meldeten wir sie in einem
örtlichen Kindergarten an. Wir hatten damals
schon bemerkt, dass sie ein intelligentes Kind
ist und dazu künstlerisch begabt. Ihre kleinen
Zeichnungen waren wunderschön. Eines Tages
zeigte sie mir voller Stolz ein Büchlein mit
einer kleinen Bild-Geschichte. Die Bilder malte
sie alle selbst. Ihr Enthusiasmus war einfach
herrlich.
Der erste Schultag war ein aufregender Tag für
uns alle. Wie stolz war sie auf ihren kleinen
Rucksack und ihre neue Uniform! An diesem Tag
gab es keine Tränen, nur Glück und fröhliches
Lachen. Am Ende des Schuljahres war sie die
Zweitbeste in einer Klasse mit 41 Kindern. Unser
Stolz war grenzenlos.
Wir beschlossen, dass sie ein besonderes
Geschenk bekommen sollte: Etwas, was sie sich
wirklich wünscht. Wünsche zu erfüllen in einem
Heim mit 14 anderen Kindern
ist nicht immer leicht. Aber als sie
endlich ihren Wunsch äußerte, waren wir
überrascht. Ihr Traum war, ’Winnie-The-Pooh-Bär’
ganz für sich selbst zu haben.
Selbstverständlich konnte dieser Wunsch erfüllt
werden, und ein paar Tage später leuchteten ihre
Augen vor Glück.
Die weiteren Jahre übertraf sie sich selbst beim
Lernen. Sie wuchs heran und entwickelte ihre
eigene Persönlichkeit.
Plötzlich wurde uns bewusst, dass die Zeit der
Entlassung ihrer Mutter näher kam. Was wird mit
Amiso geschehen, wenn sie in das Dorf ihrer
Mutter gebracht wird, das tief in den Bergen
liegt? Wird sie dort glücklich werden? Wird sie
einen völlig neuen Lebensstil und andere
Gewohnheiten annehmen können? Am meisten sorgten
wir uns darum, ob sie weiter eine Schule
besuchen könnte.
Dann wurde die Mutter entlassen, und wir alle
waren voller Erwartung. Wir versuchten die
Mutter davon zu überzeugen, zunächst in Bangkok
zu bleiben, damit Amiso ihr Schuljahr zu Ende
bringen könnte. Das war im März 2004.
Widerwillig stimmte sie dem Vorschlag zu, und
die Stiftung bot ihr einen Job als
Haushaltshilfe im Spatzennest an. So bekamen
Mutter und Tochter Zeit geschenkt, sich besser
kennen zu lernen und eine Beziehung zueinander
zu entwickeln.
Aber dann kam der Tag des Abschieds. Die Zukunft
war unsicher und Amiso fühlte das. Bei meinem
letzten “Good bye” kämpfte ich mit den Tränen.
Jedoch wollte ich Amiso meinen Schmerz nicht
zeigen und tat so, als ob ich sehr
zuversichtlich wäre, weil nun ja alles sehr
spannend werden würde für sie. Aber ihre Augen
zeigten mir, was sie wirklich fühlte.
Als ich eine Woche später wieder ins “Sparrow
home” kam, war sie
weg und alles so ungewohnt ruhig.
Von ihrem Bergdorf rief sie uns einige Male an
und fragte, ob sie nicht
zurück kommen und hier weiter zur Schule
gehen könnte. Wir erklärten ihr, dass sie nun in
eine andere Schule, näher an ihrem neuen Zuhause,
gehen würde.
Nun meldete sich eine ihrer älteren Schwestern
und erzählte uns, dass
Amiso in einer Schule angemeldet sei, weg vom
Dorf. Dort könne sie zusammen mit einer anderen
Schwester sein. Natürlich ist das nicht die
ideale Situation für Amiso. Eine andere
Möglichkeit gibt es für sie momentan jedoch
nicht.
Unsere Stiftung hat jetzt beschlossen, Amiso die
Gebühren für die Sekundarschule zu bezahlen,
wenn sie diese in drei Jahren besuchen wird. Sie
soll die Ausbildung erhalten, die sie braucht,
um auch in Zukunft gute Chancen zu haben.
Vorsitzende der Stiftung:
Claudia Boczek-Stone, Tel: 0 2583 0550
