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Zur Zeit
leben im Sparrow Home in Nonthaburi bei Bangkok
17 Kinder. Unsere Gemeinde unterstützt dieses
Haus. Hier der Bericht über eines dieser Kinder.
NOONA
Geschrieben von Monika Dettmann
Aus dem Englischen übersetzt von Isolde Bartel
Ich erinnere mich nicht mehr, wann genau Noona
im "Spatzennest" angekommen ist, aber ich weiß,
es war im Jahr 1999. Sie muss etwa eineinhalb
Jahre alt gewesen sein.
Sie kam direkt aus dem Gefängnis, wo sie ihre
ersten Monate mit ihrer Mutter verbracht hatte.
Alle unsere Kinder wurden von Müttern geboren,
die aus verschiedenen Gründen im Gefängnis
saßen, meistens wegen Drogendelikten.
So war es auch bei Noonas Mutter. Es war nicht
ihr erstes Mal im Gefängnis und sollte auch
nicht ihr letztes Mal bleiben.
Als die Mutter wieder ins Gefängnis kam, war sie
schwanger. Das Gesetz sieht vor, dass Babys, die
im Gefängnis geboren werden, ein Jahr lang bei
ihren Müttern bleiben können. Dann muss jemand
gefunden werden, der bereit ist, das Kind
aufzunehmen bis die Strafe abgesessen ist. In
den allermeisten Fällen sind es die Ver-wandten,
die in einer solchen Situation aushelfen.
Noona war etwas älter als die anderen Kinder im
Spatzennest, aber noch unter zwei Jahren. Ihre
Mutter saß wegen Drogenhandels für sechs Monate
im Gefängnis. So waren wir sicher, dass Noona
nur kurz bei uns bleiben würde.
Noona war ein sehr ruhiges Kind. Sie blieb ganz
allein für sich sitzen und schaute teilnahmslos
in den Raum. Sie lachte nicht, sie sprach nicht,
nahm kaum an den Spielen der anderen Kinder
teil. Wenn sie jedoch besondere Aufmerksamkeit
erhielt, öffnete sie sich ein bisschen und ein
scheues Lächeln ging ihr über die Lippen. Aber
schon bald würde sie weggehen. Wäre sie dann
wieder das kleine Mädchen mit den traurigen,
leeren Augen?
Wir fragten uns manchmal, ob Noona
beeinträchtigt ist von dem Drogenkonsum der
Mutter während der Schwangerschaft. Wir
entschieden uns, auf Noona besonders gut
aufzupassen und ihr viel Zuwendung zu geben.
Nach vier Monaten konnten wir eine Besserung in
ihrem Verhalten feststellen. Sie lächelte öfter
und fing an, zu den anderen Kindern Kontakt
aufzunehmen.
Und dann waren sechs Monate auch schon vorbei.
Die Zeit der Entlassung der Mutter nahte und
bald würde sie ihre Tochter aus ihrer
zeitweiligen Heimat herausholen. Das Wiedersehen
der beiden verlief sehr nüchtern. Und dann waren
die beiden auch schon auf dem Weg. Aber wohin?
Niemand wusste es.
Und das hätte das Ende der Geschichte sein
sollen.
Aber dem war nicht so.
Zu unserem Entsetzen bekamen wir im Mai 2000
einen Telefon-anruf: Noonas Mutter ist wegen der
gleichen Delikte verurteilt worden – dieses Mal
für zwei Jahre.
So fuhren wir wieder zum Gefängnis, um Noona in
unser Spatzen-nest zu bringen. Dieses Mal lebte
sie sich viel leichter ein.
Die beiden nächsten Jahre verliefen ruhig und
ohne Zwischenfall. Noona entwickelte sich normal
und wurde ein hübsches kleines Mädchen – mit den
dicksten Haaren, die ich je in meinem Leben
gesehen habe.
Einmal pro Monat gehen wir mit den Kindern ins
Gefängnis, um ihre Mütter zu besuchen. Unser
Ziel ist es, dass die Verbindung zwischen Mutter
und Kind erhalten bleibt. Und so machten wir das
selbstverständlich auch mit Noona. Aber bald
stellten wir fest, dass sie bei den Besuchen
sehr angespannt und distanziert wirkte. Es war,
als ob sie eine Fremde treffen würde. Diese
Entwicklung machte uns Sorgen.
Es kam, wie es kommen musste: Im April 2002, im
heißesten Monat des Jahres, verließ uns Noona
wieder. Sie war jetzt viereinhalb Jahre alt und
besuchte schon ein Jahr lang einen Kindergarten.
Wohin werden Mutter und Tochter dieses Mal
gehen?
Viele Monate vergingen und wir waren sehr
beschäftigt mit der Ankunft neuer Kinder und der
Verabschiedung älterer.
Dann kam der Tag im Dezember 2002, an dem uns
die Nachricht erreichte, dass Noona in einem
staatlichen Waisenheim unter-gebracht sei, weil
ihre Mutter wieder einmal verhaftet worden war.
Wir waren sprachlos. Die zuständige
Polizeistation wusste bei der Einlieferung der
Mutter nicht, was sie mit Noona machen sollte
und brachte sie notgedrungen in einem nahe
gelegenen Waisenheim unter. Unsere
Sozialarbeiterin vom Spatzennest begann sofort
nach Noona zu suchen. Das war keine leichte
Aufgabe, wusste sie doch nicht, in welchem
Bezirk von Bangkok, der
12-Millionen-Einwohner-Stadt, Mutter und Kind
aufgegriffen worden waren.
Weitere Informationen brachten die bittere
Wahrheit zutage, wir waren schockiert. Noonas
Mutter wurde mit ihrer Drogenabhängig-keit nicht
fertig und konnte folglich auch ihrer Tochter
kein Zuhause bieten. So lebten sie bis zu ihrer
Festnahme unter einer der vielen Brücken der
Stadt. Das war der einzige Unterschlupf, den die
Mutter gefunden hatte. Wie aber konnte ein
fünfjähriges Mädchen in einer so rauen Umgebung
zurechtkommen? Wir mussten sie so schnell wie
möglich finden. Und dieses Mal würden wir sie
ganz bestimmt nicht mehr ziehen lassen!
Wenige Tage später die gute Nachricht: Noona war
zurück im Spatzennest.
Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten: Es
war der Anfang eines langen Kampfes mit dem
Ziel, dem Kind ein Leben ohne Angst und
Missbrauch zu bieten und es glücklich zu machen.
2003 wurde die Mutter entlassen. Aber dieses Mal
weigerten wir uns, ihr Noona zurückzugeben.
Zusammen mit der Gefängnis-behörde konnten wir
erreichen, dass Noona bei uns bleiben konnte,
und zwar so lange bis die Mutter fähig wäre,
einer geregelten Arbeit nachzugehen und ihr eine
Heimat zu schaffen.
Die Mutter war jedoch wenig kooperativ. Sie
wollte ihre Tochter unter allen Umständen zurück
haben. Sie hörte nicht auf unsere Argumente.
Unsere letzte Hoffnung war das
Sozialministerium, die Abteilung Kinder- und
Jugendschutz. Dort kümmert man sich um Kinder,
die von ihren Eltern vernachlässigt werden.
Briefe wurden geschrieben, Besuche gemacht, und
schließlich erhielten wir die gute Nachricht:
Noona konnte ganz offiziell bis auf Weiteres bei
uns bleiben. Der Kinder- und Jugendschutz suchte
gleichzeitig nach einer Adoptionsmöglichkeit für
Noona. Aber diese Alternative, das wussten wir,
ginge vermutlich nicht in Erfüllung. Die meisten
Thaifamilien wollen ein Baby oder sehr kleine
Kinder adoptieren.
Nun ging Noona ganz normal in die Schule wie
alle unsere Nachbarskinder auch. Sie hatte da
und dort Freundschaften geknüpft und wuchs in
die Rolle der "großen Schwester" für die
Jüngeren im Spatzennest hinein.
Im Februar 2005 feierten wir unser 10-jähriges
Jubiläum. An diesem Fest überraschte Noona uns
und alle Gäste: Sie führte, gekleidet in ein
wunderschönes Thai-Kostüm, einen traditionellen
Thai-Tanz vor. Auch ihre Haare, die ja kaum zu
bändigen waren, hatte sie passend dazu
hochgesteckt. Später gestand sie mir, dass unser
Nachbar ihr den Thai-Tanz beigebracht und sie
auch entsprechend ausgestattet hatte. Was waren
wir stolz auf Noona! Aus dem kleinen scheuen
Mädchen, das nicht sprechen wollte, war ein
selbstbewusstes, glückliches, achtjähriges Kind
geworden.
Unterdessen hat sich eine private Stiftung, die
Kinder zur Adoption in die USA vermittelt, um
Noonas Fall gekümmert. Sie versuchte, dort eine
Familie zu finden, in die sie passen würde und
die auch bereit wäre, ein älteres Mädchen zu
adoptieren. Würde es eine Familie geben, die
Noona aufnimmt?
Vor einem Jahr erhielten wir die Nachricht, auf
die wir kaum zu hoffen gewagt hatten. Eine
amerikanische Familie wollte Noona adoptieren.
Würde das belastende Hin und Her ihrer ersten
Lebensjahre damit ein Ende haben? Würde sie eine
Familie finden, die sie bedingungslos liebte?
Nach und nach erfuhren wir mehr von ihrer neuen
Familie. Fotos wurden ausgetauscht. Ihre "Mommy"
und ihr "Daddy" waren darauf zu sehen und,
überraschenderweise, auch ein Bruder und eine
Schwester. Auch diese beiden Kinder waren von
der Familie adoptiert worden. Sie kamen aus
China. Wir betrachteten diese Fotos mit großem
Respekt und wussten, das würde der richtige
Platz für Noona sein.
Nun mussten wir Noona auf ihre Reise in ein
neues Leben vor-bereiten. Auf ein Leben in einem
weit entfernten und unbekannten Land, mit einer
fremden Sprache und anderen Sitten.
Zum Glück fanden wir in unserer Nähe eine
hilfsbereite amerikanische Familie, die bereit
war, Noona an den Wochenenden bei sich
aufzunehmen. Dort konnte sie ein Familienleben
kennen-lernen, wie sie es noch nie erlebt hatte.
Noona genoss es sichtlich. Und von nun an war
sie sehr ungeduldig, sie wollte nicht mehr
länger warten, sondern so schnell wie möglich in
ihre neue Familie kommen. Dann, im März 2008,
war es soweit. Die Familie hatte alle
Formalitäten erledigt und ließ uns wissen, dass
sie Noona im April abholen kämen.
Wir verabredeten ein erstes Treffen im
Spatzennest. Sie sollten sich zunächst einige
Stunden sehen, bevor sie zusammen die weite
Reise auf sich nahmen. Die Spannung stieg auf
allen Seiten. Und als das Treffen dann endlich
zustande kam, ging alles sehr schnell. Noona
himmelte ihren neuen "Daddy" und ihre neue "Mommy"
an. Und auch die Eltern waren von Noona angetan.
Später erzählten sie uns, dass Noona diesen Tag
so beschrieb: "Das ist der glücklichste Tag
meines Lebens."
Noona verließ Thailand am 15. April 2008: Dieser
Tag war der Anfang ihres neuen Lebens, das unter
solch extremen Bedingungen begonnen hatte.
Vielleicht werden wir uns eines Tages wieder
sehen!
Vorsitzende der Stiftung:
Claudia Boczek-Stone
Kontaktperson: Monika Dettmann, 0 2960 5324
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