Bevor eine Brücke gebaut wird, hat ein Mensch Träume.
Er träumt von der anderen Seite. Er ist ein Mensch
mit einer Sehnsucht nach dem anderen Ufer. Dieser
Mensch will Entdeckungen machen. Oder er will sich
den Weg erleichtern, den er noch oft gehen muss,
weil er weiß, dass es anderswo das gibt, was er so
sehnlich braucht. Eine Brücke ist ein Stück Weg zu
einem neuen Leben.
Als ich zum ersten Mal, noch von Deutschland aus, auf die Homepage der Evangelischen Gemeinde in
Thailand schaute, da fragte ich mich, was der Titel
der Seite bedeuten könnte. Wurde die Seite
vielleicht zufällig DIE BRÜCKE genannt? Oder
verbindet jemand eine konkrete Hoffnung mit diesem
Namen, oder hat jemand schlechte Erfahrungen gemacht
mit Mauern und tiefen Gräben zwischen Menschen,
Religionen, Konfessionen oder Völkern und möchte
jetzt zum Brückenbauen ermutigen? Und was ist meine
eigene Antwort auf die Einladung, Brückenbauer zu
sein? Eine Herausforderung liegt ja darin, über
schon vorhandene und von anderen vor mir gebaute
Brücken auch tatsächlich zu gehen, sie zu nutzen zu
Begegnungen mit fremden Menschen und anderen
Kulturen, für Freundschaften und Entdeckungen.
Brücken sind aus unserem Alltag nicht mehr
wegzudenken. Hier in Bangkok gibt es Brücken, die
Über 20 km lang sind. Eine verbindet zum Beispiel
den Flughafen Don Muang mit dem Stadtzentrum. Diese Brücken
sind in der 10-Millionen-Stadt notwendig geworden,
um überhaupt einigermaßen in der Zeit an sein gewünschtes Ziel zu kommen. Diese Brücke
überquert
Straßen und andere kleinere Brücken, sie führt
über
Schienen, Flüsse und sogar Häuser. Es scheint, als
haben die Städteplaner ganze Stadtteile umgesiedelt,
um ihr weitgestecktes Ziel zu erreichen, dass
Menschen und Güter besser vorwärts kommen.
Als kleiner Bub baute ich mit einem einfachen Brett
eine Brücke Über einen Bach. Bald fuhr ich stolz mit
dem Fahrrad zur ersten Brücke Über die Donau bei
Donaueschingen. Dann lernte ich das Lied:
Sur le
Pont
d'Avignon. Viel später
reiste ich zu der Pont
du Gard bei
Nīmes und zu den Brücken
von Amsterdam und Venedig, auch die Brücke von
Arnheim habe ich gesehen und die Tower-Bridge und
die Golden-Gate-Bridge in San Francisco. Diese hat
mir so gut gefallen, dass ich zuerst mit dem Auto
auf die andere Seite fuhr, um dann zu Fuß noch
einmal die über zwei Kilometer hin und zurück zu
gehen. Einmal befuhr ich auch die 500-Jahre alte
Brücke von Mostar, die den kroatischen und den
muslimischen Teil der Stadt verband, und die im
Krieg 1993 mutwillig zerstört wurde. In den
Reiseführern über Thailand ist viel zu lesen über
die Brücke am Kwai.
Im Laufe der Zeit bestaunte ich Hängebrücken und
Klappbrücken, alte Bogenbrücken und moderne
Spannbetonbrücken. Mein Vater erzählte mir von einem
Brückenkopf, der im Krieg unbedingt gehalten werden
musste, um den eigenen Leuten den Rückweg zu sichern.
Auf der Fahrt mit der Abitursklasse nach Prag
bestaunte ich auf der Karlsbrücke die
Brückenheiligen und in vielen Museen die berühmten
Bilder der Künstlervereinigung BRÜCKE.
Das Wort Brücke wird von uns auch in einem negativen
Sinn verwendet. Wenn jemand "alle Brücken hinter
sich abgebrochen hat", dann will er damit sagen,
dass er sich selbst den Rückweg verbaut und alle
Verbindungen gelöst hat. Er möchte z.B. in Thailand
bleiben und nie mehr zurück in seine alte Heimat.
Eine abgebrochene Brücke bedeutet auch das Ende
einer Sehnsucht. Oder wenn einem etwas wenig
glaubhaft erscheint, dann kann er sagen: "Über diese
Brücke möchte ich nicht gehen". Und wenn wir
jemandem "eine goldene Brücke bauen", dann bieten
wir ihm eine Gelegenheit zum Rückzug, ohne das
Gesicht zu verlieren. In Thailand ist dies von
existenzieller Wichtigkeit.
In der Bibel kommt das Wort Brücke nicht vor, obwohl
es damals schon welche gab. Schon im Jahre 312 vor
Christi Geburt bauten die Römer einen 16 km langen
Aquädukt, der die Stadt Rom mit Wasser versorgte,
das auf Arkaden über weite Täler geführt wurde.
Römische Kaiser wurden Pontifex Maximus genannt,
also größte Brückenmacher. Papst Leo I hat diesen
Titel um das Jahr 450 für sich in Anspruch genommen.
Als oberster Priester sah er sich als Brückenbauer
zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, zwischen
Mensch und Gott. Seit dem 14. Jahrhundert ist das
der offizielle Titel der Päpste.
Einen schönen Brückennamen fand ich auf der Reise
nach Mae Sot in den Norden Thailands. Schon 5 km vor
der Grenze nach Myanmar kann man ein großes
Hinweisschild lesen: "Bridge of
Friendship". Es gibt wohl keine schönere
Bezeichnung für einen Grenzübergang als "Freundschaftsbrücke".
Dieser Name steht für den Wunsch nach Frieden und
Versöhnung zwischen Menschen und Ländern. Ich möchte
diese Brücke überqueren.
Das wundervollste Zeichen der Versöhnung aber ist
die große himmlische Brücke, die aufleuchtet, wenn
Regen und Sonne sich begegnen. Vom Regenbogen heißt
es in Genesis 9, 13: "Meinen Bogen habe ich in die
Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein für den
Bund zwischen mir und der Erde". Gott hat sich mit
uns versöhnt.
Wir sind eingeladen und befähigt, Brückenbauer
zu sein, jeder an seinem Platz. In Kurt Rommels Lied
von 1963 heißt es:
Herr, gib mir
Mut zum Brückenbauen. Gib mir den Mut zum ersten
Schritt. Lass mich auf deine Brücken trauen, und
wenn ich gehe, geh du mit. Ich möchte gerne Brücken
bauen, wo alle tiefe Gräben sehn. Ich möchte hinter
Zäune schauen und über hohe Mauern gehen. Ich möchte
gern dort Hände reichen, wo jemand harte Fäuste
ballt. Ich suche unablässig Zeichen des Friedens
zwischen Jung und Alt.
Herzliche Grüße
Ihr Pfarrer Burkhard Bartel